“Es hat uns am Ende selbst überrascht”
Am 3. Juni 2026 erhielten mein Kollege Matthias Winterer und ich den Claus-Gatterer-Preis. Ausgezeichnet wurde ein Artikel unserer SOS-Kinderdorf-Recherche: „Körperliche Gewalt war gang und gäbe.“ Die Auszeichnung konnten wir in Sexten (Südtirol), Gatterers Heimat, entgegennehmen. Hier unsere Rede im Wortlaut:
Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Festgäste,
es ist uns eine große Ehre, in Sexten den Claus-Gatterer-Preis entgegenzunehmen.
Claus Gatterer – diesen Namen haben Sie wahrscheinlich schon einmal gehört.
Jürgen Klatzer und ich sind zu jung, um Gatterers Wirken unmittelbar erlebt zu haben. Aber wir haben auf dem Weg hierher vier Bücher über und von Gatterer gelesen. Er hat etwas geprägt, das der Grund dafür war, warum ich Journalist wurde. Eine Gattung, die nicht nur unterhält – auch das ist wichtig, schließlich wollen wir, dass unsere Beiträge gelesen, gesehen und gehört werden –, sondern die auch imstande ist, Gesellschaften zu verändern: die Sozialreportage.
Gatterer hat die Sozialreportage nicht als Sozialporno verstanden, der viele Klicks bringt, wie es heute leider oft üblich ist, sondern als ernsthaftes Instrument, um Ungerechtigkeiten, Mängel und Missstände aufzuzeigen. Er hat einmal gesagt, es ginge ihm darum, den Alltag zu enthüllen.
Das klingt erst einmal seltsam. Denn der Alltag von Menschen ist eigentlich nichts, was man mit geheimen Dokumenten und investigativen Recherchen offenlegen müsste. Doch es gibt in unserer Gesellschaft Gruppen, deren Alltag im Verborgenen liegt. In deren Alltag Ungeheuerliches passiert.
Es liegt an uns Journalisten, diesen Alltag zu enthüllen, für die Augen jener, die nicht in diesem Alltag leben müssen. Der Alltag von Sexarbeiterinnen in einem Bordell etwa, der Alltag von Asylwerbern in einem Aufnahmezentrum. Oder der Alltag von Kindern in betreuten Einrichtungen.
Vielleicht kennen Sie SOS-Kinderdorf. Es ist ein österreichisches Kulturgut, mit dem sich das Land, vor allem in der Nachkriegszeit, identifizierte. Der Gründer Hermann Gmeiner wurde wie ein Heilsbringer verehrt. Er war Identifikationsfigur, eine Art gütiger Vater in einer Nachkriegsgesellschaft, auf deren Schultern die große Schuld lastete.
Um ehrlich zu sein: Jürgen Klatzer und ich kannten den Alltag der SOS-Kinderdorf-Kinder nicht. Wir kannten nur die PR-Fotos aus den bungalowartigen Dörfern. Mit den lachenden Gesichtern der Kinder. Solche Dörfer gibt es auf der ganzen Welt, in Südamerika, in Asien, auch hier in Italien.
Doch ihr Alltag war oft nicht so glücklich, wie uns die Fotos glauben lassen. Manche dieser Kinder wurden geschlagen, gequält und missbraucht. Von ihren engsten Bezugspersonen, ihren Kinderdorf-Müttern, ihren Pädagogen und Dorfleitern. Die Chefetage wusste das, und die Behörden und die Politik haben weggeschaut.
Matthias Winterer und ich haben im vergangenen Sommer einen anonymen Hinweis erhalten und diesen Skandal aufgedeckt. Unsere wochenlange Recherche enthüllte – und ich glaube, das ist es, was Claus Gatterer gemeint hat – den echten Alltag mancher dieser Kinder.
Deshalb bedeutet uns diese Auszeichnung besonders viel.
War die Recherche immer einfach? Nein. Sie führte uns zu Menschen, die schwierige Erfahrungen gemacht haben und die oft zögerten, darüber zu sprechen – aus Schmerz, Enttäuschung und vielleicht auch aus Scham. Manche sprachen zwar, aber ihnen wurde nicht zugehört.
Aber darum geht es eben: Zuhören. Ohne die Betroffenen, ohne ihren Mut und ihr Vertrauen wäre diese Recherche nicht möglich gewesen.
Was sie mit ihren Erzählungen ausgelöst haben, wollen wir kurz anführen. Es hat uns am Ende selbst überrascht:
- Dutzende ehemalige Kinder meldeten sich bei Opferschutzkommissionen, Behörden und SOS-Kinderdorf.
- SOS-Kinderdorf richtete eine Reformkommission ein, um die Vorwürfe aufzuarbeiten.
- Staatsanwaltschaften in Österreich ermitteln. In Kärnten allein gegen fast 200 Personen.
- Die gesamte Führungsspitze von SOS-Kinderdorf wurde ausgewechselt. Im Aufsichtsrat saßen früher Banker und PR-Berater, heute sind es Psychologen, Pädagogen und Jugendrichter. Von der damaligen Geschäftsführung ist heute niemand mehr bei SOS-Kinderdorf.
- In Kärnten wird die Jugendhilfe neu aufgestellt.
- Nach unseren Recherchen machte SOS-Kinderdorf öffentlich, dass auch Hermann Gmeiner Kinder missbraucht haben soll. Straßen, Plätze und Gebäude, die nach dem Gründer benannt wurden, erhalten nun neue Namen. Langsam distanziert sich die Organisation von diesem Gründermythos.
- Und international? SOS-Kinderdorf International, der Dachverband aller Kinderdörfer, kündigte an, neue Richtlinien für den Kinderschutz und für sogenannte Großspender zu erarbeiten. Denn einer dieser Großspender übernachtete – wie wir aufgedeckt haben – mit Erlaubnis von Helmut Kutin, Gmeiners Nachfolger als Präsident von SOS-Kinderdorf, in einem Kinderdorf in Nepal und missbrauchte dort Kinder.
Wie Sie merken: Wer zuhört, kann etwas in Gang setzen.
Wegen dieser Recherche und allem, was darauf folgte, stehen wir hier vor Ihnen und dürfen den Claus-Gatterer-Preis entgegennehmen.
Aber eine solche Recherche funktioniert nie allein. Ohne die Redaktion des Falter hätten wir sie nicht auf den Boden gebracht. Es war Teamwork. Wir danken unseren Kollegen und Kolleginnen, insbesondere der Chefredaktion: Florian Klenk, Eva Konzett und Martin Staudinger.
Und natürlich danken wir der Jury des Claus-Gatterer-Preises, der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol, dem Presseclub Concordia und der Michael-Gaismair-Gesellschaft Bozen. Und außerdem: Danke an Sexten, die Heimatgemeinde von Claus Gatterer. Er war ein Journalist, der den Schwächsten in dieser Gesellschaft eine Stimme gab.
Vielen Dank.
