Concordia-Preis – Unser Dank

Am 30. April 2026 erhielten mein Kollege Matthias Winterer und ich den Concordia-Preis für Menschenrechte. Ausgezeichnet wurde ein Artikel unserer SOS-Kinderdorf-Recherche: “Körperliche Gewalt war gang und gäbe.” Die Auszeichnung konnten wir im Parlament entgegennehmen. Hier unsere Rede im Wortlaut:

Sehr geehrtes Publikum,

Jürgen Klatzer und ich stehen heute hier, weil sich jemand getraut hat, uns einen Hinweis zu geben. Einen Brief mit der knappen Info, dass es in zwei österreichischen SOS-Kinderdörfern zu Missbrauch gekommen sein könnte.

Wir wussten nicht viel über SOS-Kinderdorf. Wir kannten die Spendenaufrufe, die immer zu Weihnachten in Postkasten liegen, wir kannten Hermann Gmeiner, den Gründer der Organisation, und Helmut Kutin, Gmeiners Nachfolger – und: wir kannten die PR-Fotos von den lachenden Kindern in den Bungalow-Dörfern.

Der Brief hat uns dazu veranlasst, hinter die Mauern dieser Dörfer zu blicken. Und was haben wir dort gesehen? Manche dieser Kinder sind gar nicht so glücklich, wie uns die Hochglanzfotos glauben lassen. Sie wurden gequält. Sie wurden geschlagen. Sie wurden missbraucht. Von Menschen, die sie eigentlich beschützen sollten: Ihren Kinderdorf-Müttern, ihren Betreuern und Bezugspersonen.

Und sie wurden im Stich gelassen. Von jenen, die eigentlich darauf achten müssen, dass ihnen nichts passiert: den Behörden.

Für diese Recherche brauchten wir die ganze Bandbreite des journalistischen Handwerks. Wir haben Akten eingesehen, Vertrauen zu Whistleblowern aufgebaut, pädagogische Studien gelesen, an Türen geklopft. Wir haben Opfer und Täter ausfindig gemacht. Aber vor allem haben wir eines getan: Wir haben zugehört. Auch wenn uns das manchmal nicht leicht fiel.

Ehemalige Kinderdorf-Kinder haben uns ihre Geschichten erzählt. 

Geschichten, die sie noch nie jemandem erzählt haben – aus Angst, dass ihnen niemand glaubt. 

Geschichten, die sie schon oft erzählt haben, die ihnen aber niemand geglaubt hatte. 

Aus einem einfachen Grund: Sie waren Kinder. 

Missstände sind selten laut. Sie sind oft leise. Sie verstecken sich hinter guten Absichten, hinter großen Namen, hinter einem guten Image.

Die Politik verspricht, die Schwächsten in unserer Gesellschaft zu schützen. Wie wir selbst gesehen haben, passt das mit der Realität oft nicht zusammen.

Und genau deshalb braucht es Journalismus. Nicht den schnellen. Nicht den lauten. Sondern den hartnäckigen. Journalismus, der hinter die Fassaden schaut, der dranbleibt, gerade dann, wenn das Interesse schon wieder weitergezogen ist.

Dieser Preis ist nicht nur eine Auszeichnung. Er ist auch ein Auftrag. Ein Auftrag, weiter hinzuschauen. Weiter Fragen zu stellen. Und weiter zuzuhören.

Und vielleicht auch eine Erinnerung: Journalismus funktioniert nicht allein. Er braucht Menschen, die bereit sind zu sprechen. Die bereit sind, Risiken einzugehen. Und die sagen: „Das war nicht okay.“

Wir möchten die Bühne nutzen, um diesen Menschen zu danken. Danke für euer Vertrauen. Danke für euren Mut. Danke, dass ihr euch nicht damit abgefunden habt, dass hier Unrecht passiert ist. 

Das ist nicht selbstverständlich.

Diesen Menschen gebührt der Preis.

Danke auch an alle, die uns unterstützt haben. Danke an die Kollegen und Kolleginnen in der Redaktion des Falter. Danke an unsere Familien. Danke an den Presseclub Concordia.

Wir nehmen diesen Preis stellvertretend entgegen – und mit der klaren Ansage: Wir sind noch nicht fertig. 

Vielen Dank. 

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