SOS, ein Gewaltmuster
Bestimmt habt ihr die letzten “Falter”-Recherchen über SOS-Kinderdorf gelesen oder zumindest davon gehört (hier und hier). Es geht um Gewalt an Kindern, Jugendlichen und Mitarbeiterinnen. Aber es geht auch um eine Kultur des Schweigens, Wegschauens und Vertuschens. Dazu haben wir, mein Kollege Matthias Winterer und ich, den Historiker Horst Schreiber interviewt.
Schon 2014 hat er auf dieses Gewaltmuster aufmerksam gemacht – sogar im Auftrag von SOS-Kinderdorf. Schreiber untersuchte die Misshandlungen in den SOS-Kinderdörfern von 1950 bis 1990. Er bilanzierte: SOS-Kinderdorf war lange Zeit um Geheimhaltung bemüht, viele Anzeichen für Missbrauch wurden „systematisch“ ignoriert.
Nach unseren Recherchen über zwei Studien, die Jahre später exakt dieses Muster bestätigten, rief uns eine Frau an. Die Nummer war unterdrückt, sie wollte anonym bleiben, nannte weder Namen noch Bundesland. Sie sagte nur: Ich betreue seit Jahren eine Frau, die in einem SOS-Kinderdorf missbraucht wurde. Den Namen der Frau könne sie uns aus Opferschutzgründen nicht verraten, aber das, was damals passiert ist, sei schrecklich und könne mit Entschädigungszahlungen nicht wiedergutgemacht werden.
Die Frau am Telefon verwies mich auf Horst Schreibers Studie „Dem Schweigen verpflichtet“ aus dem Jahr 2014. Ich sagte: Es liegt vor mir. Wir haben es uns für unsere Recherchen aus der Bibliothek des Parlaments geholt. „Schlagen Sie die Seite 95 auf. Das ist der Fall. Der sagt eigentlich alles, was man über dieses System wissen muss“, sagte die Frau. Wenig später legte sie auf. Ich blätterte in der Studie bis zur Seite 95:
„Die Geschichte von Gerda, Franziska und Johanna Sillober: Ein exemplarischer Fall von Vertuschung“
Die Geschwister, die eigentlich anders heißen, wohnen bei ihrer Kinderdorfmutter in einem SOS-Kinderdorf. Sie verbringen viel Zeit mit einem Mann, der hier Norbert Haas genannt wird. Er ist mit der Sekretärin des SOS-Kinderdorfs verheiratet. Das Ehepaar kümmert sich liebevoll um die Geschwister, macht mit den Kindern Ausflüge, gibt ihnen Nachhilfe. Die drei Mädchen dürfen bei den Haas’ sogar übernachten.
Franziska, die älteste der Geschwister, glaubt, ein zweites Zuhause gefunden zu haben. Das Ehepaar Haas redet nämlich die Erziehung der Kinderdorfmutter schlecht. Norbert Haas überhäuft Franziska mit Geschenken.
Ab 1999 wird Franziska von Norbert Haas sexuell misshandelt.
2003 meldet die Schule den Verdacht, dass Franziska sexualisierte Gewalt ausgesetzt war. Der Psychologe im Kinderdorf bittet den Dorfleiter, den Kontakt zu Norbert Haas sofort zu unterbinden. Ein Betretungsverbot müsse für den Mann, der eigentlich gar nicht im Kinderdorf herumspazieren darf, her. Der Dorfleiter wiegelt ab, an eine entsprechende Vereinbarung hält er sich nicht. Haas hat weiter Einfluss auf Franziska. Die Jugendliche erscheint nicht mehr zu ihrer Lehrstelle. Stattdessen verbringt sie viel Zeit mit Haas. Dessen Ehefrau deckt alles.
Der Dorfpsychologe drängt später nochmals darauf, den Kontakt von Haas zu den Sillober-Geschwistern gänzlich zu unterbinden. Es handle sich um einen „massiven emotionalen Missbrauch“, er hege den Verdacht eines „sexuellen Missbrauchs“. Niemand meldet den Verdacht, niemand bringt ihn zur Anzeige.
Stattdessen entzieht der Dorfleiter dem Psychologen die Befugnis, einen Entwicklungsbericht über Franziska zu schreiben. Daraufhin legt der Psychologe jede Verantwortung für die Sillober-Geschwister zurück. Nach einem Jahr erzählen Franziskas Schwestern, Gerda und Johanna, dem Psychologen und einer Familienhelferin, dass sie von Norbert Haas ebenfalls misshandelt wurden. Sie haben Angst und fühlen Scham, denken nicht, dass ihnen jemand glaubt. Inzwischen geht es Franziska immer schlechter.
Wieder vergehen Monate. Dann vertrauen sich zwei Schwestern der Kinderdorfmutter an. Sie informiert wieder den Dorfleiter. Aber er unternimmt wieder nichts. Eine Meldung? Nein. Eine Anzeige? Von wegen. Haas darf weiter das Kinderdorf betreten.
Der Dorfpsychologe wendet sich an die Geschäftsführung von SOS-Kinderdorf, aber diese folgt der Meinung des Dorfleiters: Der Psychologe muss gehen. Der Vorwurf: Inkompetenz. Hingegen darf der Dorfleiter bleiben. Er wird sogar befördert.
Die Zentrale von SOS-Kinderdorf schickt eine Psychotherapeutin ins Dorf, um zwischen dem Ehepaar Haas, der Kinderdorfmutter und der Geschwister Sillober zu “vermitteln”. Gleich zu Beginn stellt sich klar, dass es nicht ihre Aufgabe sei, die Gewaltvorwürfe zu prüfen. Was sie genau dort macht, ist für viele rätselhaft.
Die Psychotherapeutin spricht mit Norbert Haas. Sie hält seine Aussagen für glaubhaft. Dann unterhält sie sich mit dem Dorfleiter. Er schwadroniert zwar, aber seine Gesprächsbereitschaft lobt die Therapeutin. Hingegen kritisiert sie die Kinderdorfmutter, die sich akribisch auf das Gespräch vorbereitet hat und erzählt, wie die Sillober-Geschwister misshandelt wurden. „Sie weint und hört bis zum Ende des Gesprächs nicht mehr auf”, notiert die Therapeutin.
Am Ende ihrer Mission wird ein Abschlussdokument unterzeichnet: SOS-Kinderdorf erklärt die Causa für beendet, weitere Anschuldigungen sind zu unterlassen.
Es vergehen wieder Monate. 2007 wird die regionale Geschäftsführung von SOS-Kinderdorf neu besetzt. Sie sieht sich mit der Causa Sillober konfrontiert. Sie könnte das Image des Kinderdorfes schaden. Eine PR-Agentur empfiehlt der Organisation: Es muss Ruhe einkehren, um den guten Ruf von SOS-Kinderdorf zu sichern.
Nichts passiert. Schweigen. Vertuschen. Wegschauen.
2010 erstattet ein anderes Opfer von Norbert Haas Anzeige. Er wird verhaftet und verurteilt. Auch die Geschwister Sillober kommen zur Sprache. In den Polizeiprotokollen melden sich die SOS-Kinderdorfmutter und ihre Familienhelferin zu Wort: Sie seien damals unter Druck gesetzt worden, nichts über den Sillober-Fall zu sagen.
Und die Sillober-Geschwister? Sie sagen: SOS-Kinderdorf wollte den Fall nicht aufklären. „Die ganze Sache wurde einfach vertuscht.“
